Die Vermessung der Gesellschaft

Vor Kurzem habe ich den Film („Made to Measure“) des Kunstprojekts L gesehen, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Konsequenzen der quasi sorglosen Nutzung kostenfreier Digital-Dienste und Social Media zu verbildlichen. Freiwillige konnten Ihre Daten bei den Diensten (Art. 15 DSGVo) anfordern und dem Kollektiv zur Verfügung stellen. Diese haben beispielhaft das Leben einer jungen Frau mit ihrem Datensatz aus dem Google-Kosmos (Android, Email, Suchmaschine …) nachgezeichnet und daraus ein Drehbuch geschrieben. Eine Schauspielerin, die die Frau nicht kannte und auch nicht mit ihr vorab sprechen durfte, sollte mit diesem Drehbuch dann das Leben der Frau nachspielen und aus den Datenwust eine fiktive Person schaffen. Eine gute Idee, um die Daten-Thematik greifbar zu machen. Der Zuschauer wird sowohl bei der Entstehung dieser gespielten Person mitgenommen, als auch bei der Konfrontation der realen Person mit ihrem gespielten Alter Ego.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass die junge Frau etwas schockiert ist, wie gut Ihr alter Ego nur basierend auf ihren Google-Daten nachgestellt wurde.

Mir doch egal; Wirklich?

Es gibt immer noch viele Menschen, die der Meinung sind, dass erstens nicht alles was sie online tun aufgezeichnet wird und zweitens ihre Daten im Rauschen der Abermilliarden Daten untergehen und uninteressant sind. Beides stimmt nicht und das, finde ich, zeigt dieser Film sehr eindrücklich. Bei vielen Diensten gilt ja zusätzlich der Spruch: Wenn das Produkt nichts kostet, dann bist Du das Produkt“; ausgenommen Open Source Ansätze. Wenn dann auch noch die Daten aus verschiedenen Diensten zum Beispiel Google, Amazon, Facebook und Microsoft zusammenlegt kann man eine Person noch genauer kennen und einkategorisieren. Und diese Daten lassen sich für Werbung nutzen, können gehackt werden oder auf irgendwelchen halblegalen Wegen gehandelt werden. Wissen ist macht und mit Sicherheit gibt es im Leben jeder Person die ein oder andere Sache, die man nicht unbedingt jeder wissen muss; Fremde dann noch weniger. Und was dieses gesammelte Wissen für die Gesellschaft bedeutet, kann und konnte man auch bei Einflussnahme auf Gesetzesvorschläge und Wahlen beobachten.

Und was kann man tun?

Das ist nicht wirklich einfach, weil sämtliche Dienste über sog. Tracker auf fremden Websites so gut wie immer dabei sind. Die Tracker müssen zwar in der Datenschutzerklärung angegeben sein, aber ich denke, die meisten lesen das nicht. Ein guter Hinweis sind aber die kleinen Symbole der sozialen Medien. Dann kann man alles ausschließen an Cookies, was nicht für den Website-Betrieb notwendig ist. Aber dennoch es ist schwer; Facebook wird ja auch immer wieder nachgesagt, Schattenprofile von Nicht-Nutzern zu unterhalten, obwohl diese Leute ihre Dienste nicht nutzen.Zusätzlich sollte jeder bei sämtlichen Diensten, die er/sie nutzt, die Herausgabe der erhobenen Daten nach §15 DSGVo verlangen (siehe mein Post dazu). Dann sieht man schon einmal wo und was mitgelesen wird und kann besser entscheiden, wo man lieber mehr Privatsphäre hätte. Wenn sich die Datensammlung nicht einschränken lässt, muss man gegebenenfalls auch überlegen, auf einen Dienst zu verzichten.

Google und Apple haben durch ihre Handybetriebssysteme natürlich eine riesige Datenquelle und wenn man die Einstellungen nicht setzt, können sie nicht nur die Nutzung sondern auch die Orte, an denen man sich befindet, aufzeichnen. Es hilft also schon einmal ein bisschen sämtliche Privatsspähre-Einstellungen, die man auf dem Handy hat auf maximalen Datenschutz zu stellen. Google hat sich für Googlemail auch das Recht in den AGB einräumen lassen, Eure Emails für eigene Zwecke – zum Training der KI – auszuwerten (Microsoft bei Teams übrigens auch). Deswegen sollte man sich überlegen, ob man die Adresse nur für das Handy nutzt oder auch zur privaten Kommunikation.

Alternative Dienste suchen und nutzen

Ansonsten empfehle ich jedem/jeder, sich nach Alternativen Diensten umzusehen. Eine Auswahl seht ihr auf dieser Seite. Das ist natürlich nicht abschließend und ersetzt auch nicht jeden Dienst, aber immerhin schon einmal ein paar Sachen. Es macht sicherlich auch Sinn, sich einen eigenen Email-Dienstleister auszusuchen (für den man dann aber meist auch zahlt), um nicht alle Daten bei einem Konzern zu bündeln. Alternative Dienste sind z.B. Tutanota, Posteo, Mailbox. Android-Handynutzer können auch darüber nachdenken, eines der trackingfreieren Handybetriebssystem Lineage OS bzw. /e/ zu nutzen. Oder ein gänzlich anderes, wie SailfishOS oder UbuntuOS. Die Social-Media-Dienste zu ersetzen ist so gut wie nicht möglich, weil der Sinn dieser Netzwerke ja eben ist, dort zu sein, wo die Bekannten auch sind. Und alle anderen jetzt zum Umstieg zu bewegen dürfte schwierig werden. Immerhin den Messenger könnte man versuchen zu ändern, dort gibt es mit Threema, Signal und Element(Matrix) auch gute Alternativen.Generell wird aber bei alldem der Komfort bzw. die Bequemlichkeit leiden, da es eben einfacher ist, alle benötigten Dienste bei einem Anbieter gebündelt zur Verfügung zu haben. Nur weiß dann eben dieser Anbieter auch alles. Letztlich bleibt es eine Abwägung, die jede(r) für sich selber treffen muss und diese Einschätzung auch immer wieder neu beurteilen sollte. Schließlich verändern sich die Rahmenbedingungen und Technologien kontinuierlich (Stichwort: Corona-App, die nur auf den neuesten Geräten läuft).

In diesem Sinne: Wer immer noch glaubt, es sei egal oder vernachlässigbar, welche Daten im Internet über einen gesammelt werden, dem sei das Projekt „Made to measure“ ans Herz gelegt. Dort bekommen diese Datenberge ein Gesicht, das unserem echten sehr sehr ähnlich ist. Es zeigt eindrücklich, was Firmen jetzt schon über uns wissen. Ein guter Anlass, das eigene Nutzungsverhalten noch einmal kritisch zu hinterfragen und ggf. dem Schutz der eigenen Daten einen höheren Wert beizumessen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.