Meine Erfahrung mit SailfishX

Nach den vielen Nachfragen im Bekanntenkreis zu meinem „komischen“ Smartphonegebrauch wollte ich immer schon einmal einen kleinen Beitrag dazu schreiben. Jetzt wird es gleichzeitig auch ein Erfahrungsbericht.

Ein bisschen zum Hintergrund

Ich hatte lange gar kein Smartphone, vor allem wegen Datenschutzbedenken und aber auch, weil ich ein wenig Sorge hatte, dass man dann doch häufiger eben „kurz“ etwas nachschaut, weil es ja geht. Zudem wollte ich weder Apple noch Google mehr oder weniger ausgeliefert sein. Es gab und gibt einige Abwandlungen vom Android-System (LineageOS, /e/, GrapheneOS, PureOS..), wobei /e/ noch weiter geht und über die microG – Einbindung auch die Google-Play-Dienste umgeht. Diese werden von einigen Apps für die korrekte Funktion vorausgesetzt, sind aber proprietär von Google und senden natürlich auch Daten nach Hause.

Ich habe damals noch eines der letzten Sony-Tastenhandys gehabt und übergangsweise ein (ziemlich altes) Nokiagerät. Dann habe ich herausgefunden, dass sich einige Nokia-Entwickler, nach dem Verkauf der kompletten Handysparte an Windows, zusammengeschlossen haben, um das nokiaeigenen Smartphone-Betriebssystems „MeeGo“ weiterzuführen. Das Projekt wurde unter den Namen SailfishOS gestellt. Die dazu gegründete Firma Jolla hat zunächst versucht, über eine auf Kickstarter eingestellte Crowdfunding-Kampagne ein eigenes Smartphone und Tablet zu produzieren. Das ist dann aber ziemlich schief gegangen, aus finanziellen Gründen und weil es Schwierigkeiten mit den Lieferanten gab. Am Ende hat Jolla auch nur knapp überlebt und musste die Hälfte seiner Belegschaft entlassen.

Daher hat das kleine Team seine Strategie umgestellt, das System weiterentwickelt und dann für eine spezifische Modellreihe (Sony Xperia X) eine angepasste Version ihres Systems (Sailfish X) angeboten. Im Gegensatz zu Android-basierten Handys muss man sich das Handy selber kaufen und kann dann eine Sailfish-Lizenz für einmalig 50€ erwerben und das Betriebssystem installieren. Das Argument, das mich auch überzeugt hatte, war, dass man dafür keine Nutzerdaten sammelt und verkauft, unbegrenzten Update-Zugang hat, den Kartendienst Here nutzen kann und einen Android-Emulator erhält. Letzteres bedeutet, dass man trotz des Sailfish Betriebssystems über den Emulator auch Android-Apps nutzen kann. Man kann Sailfish aber auch ohne diese Lizenz nutzen und da es linuxbasiert ist, gibt es inzwischen auch viele Portierungen für andere Handymodelle. Das Problem der kostenlosen Version ist, dass man keinen Support bekommt und auch keine Android-Emulation und automatische Worterkennung bekommt sowie den Here-Kartendienst nicht nutzen kann. Für mich kein Problem, die meisten dürften aber eine fehlende Android-App-Unterstützung schmerzlich vermissen. Ein weiterer kleiner Wermutstropfen ist, dass für das inzwischen auch schon 4 Jahre alte Sony Xperia X nur noch eine Android-Emulation bis Version 4.4 (also ziemlich alt) angeboten wird. Momentan wird nur das Xperia 10 und Xa2 mit einer aktuellen Android-Emulation unterstützt.

Gründe für das System und Einrichtung

Als ich mich damals für Sailfish entschieden habe, wollte ich also nicht nur ein Smartphone ohne Abhängigkeit von einem der beiden großen Player, sondern auch ein besonders datenschutzfreundliches System. Unabhängig davon fand ich es auch gut, dass Jolla ein europäischer Hersteller ist und daher prinzipiell ein anderes Datenschutzverständnis hat, als das in den Vereinigten Staaten der Fall ist. Damals war die DSGVo schließlich noch nicht in Kraft und Apple hat sich auch noch nicht als „Ober“-Datenschützer ausgegeben (wie glaubhaft das ist, sieht man an deren Agieren im chinesischen Markt).

Die Installation ist bei der gekauften Version gut beschrieben und es gibt auch guten Support. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass man die Garantie verliert, sobald man ein anderes Betriebssystem auf das Handy spielt (unabhängig ob Sailfish oder andere Systeme). Das ist natürlich schon einmal ein Minuspunkt als Endnutzer, aber liegt daran, dass die meisten Smartphones (mit Ausnahme von Apple und Huawei) auf Android ausgelegt sind und die Hersteller das Risiko für Schäden durch andere Systemnutzung nicht übernehmen wollen. Nicht zuletzt ist es auch möglich beim Ändern des Betriebssystems sein Smarphone komplett unbrauchbar zu machen, indem z.B. das eine System gelöscht ist und das andere falsch installiert wurde. Dann geht gar nichts mehr und das Handy ist faktisch wertlos (Brick).

Ich habe es aber gewagt, auch weil das Xperia X damals schon eher zu den älteren Modellen gehörte und ich es günstig aus Restposten kaufen konnte. Nach der Installation war die haptische Steuerung erst einmal etwas gewöhnungsbedürtig. Es gibt keinen Home-Button. Bei Sailfish wird alles über Gesten gesteuert und Programme bzw. Fenster über ein schnelles Ziehen von oben nach unten geschlossen. Da brauchte ich erst ein wenig, um damit zurechtzukommen. Jetzt finde ich es aber ganz normal und komme super mit der Gestensteuerung zurecht.

Sehr positiv fand ich auch, dass meine Verbindung zu meinem Online-CalDav-Kalender ohne Probleme sofort eingerichtet werden konnte und nicht wie bei Android erst ein Zusatzprogramm (Dav-Droid) sowie eine separate Kalender-App installiert werden musste. Das Emailprogramm funktionierte auch aus dem Stand. Dafür war der Browser bis vor kurzem sehr rudimentär, konnte viele Websites gar nicht laden und stürzte bei mehr als 2 Tabs ab. Das wurde aber zum Glück mit dem neuesten Update behoben. Aber so richtig super funktioniert der Browser leider immer noch nicht. Wer weiß vielleicht richtet es eines der nächsten Updates.

Verfügbare Apps

Wie bei allen Smartphone-Systemen steht und fällt der Erfolg mit dem App-Ökosystem. Und das ist bei Sailfish eher weniger ausgeprägt. Zwar gibt es einen eigenen Jolla-Appstore sowie einen Appstore, der von Freiwilligen getragen wird (Openrepos.net). Aber die App-Auswahl ist bei beiden bisher eher überschaubar. Das liegt aber nicht primär an Jolla, sondern eben auch an den App-Anbietern selbst, die sich verständlicherweise auf die beiden am meisten verbreiteten Systeme konzentrieren, statt für jedes Nischensystem eigene Versionen anzubieten. Dennoch macht es das etwas schwierig, wenn man gewisse Apps auf jeden Fall nutzen möchte (Corona-Warn-App, Deutsche Bahn App, Messenger…). Für diese Problematik gibt es den Emulator, aber natürlich ist das auch keine dauerhafte Lösung. Vor allem, wenn dieser Emulator, wie bei der aktuellen Version nur bis zur Android Version 4.4 funktioniert. Die meisten Android-Apps setzen inzwischen – nicht nur wegen höheren Sicherheitsanforderungen – neuere Versionen voraus. Dann bringt der Emulator auch nicht mehr so viel.

Für ein paar Bereiche gibt es ganz gute Anwendungen, z.B. ist die Kartenapp auf Openstreetmap-Basis wirklich super und für mich eine echte Alternative für GoogleMaps. Auch der Dienst „Fahrplan“ ist zumindest für Deutschland super, wenn es darum geht öffentliche Nahverkehrsverbindungen zu finden. Messenger sind dann aber schon wieder schwieriger (das schmerzt mich persönlich nicht so sehr), aber auch hier gibt schon die ersten Signal- und Matrix-Clienten (WhatsApp und Facetime natürlich nicht). Was die Sicherheit des Systems angeht, kann ich leider mangels technischer Kenntnisse nicht viel sagen, aber oft hilt es ja schon ein nischigeres System zu nutzen, auf das sich aufgrund der geringen Nutzerzahl und damit potentiellem „Gewinn“ nicht so viele Angreifer ausrichten. Positiv finde ich aber die eingefleischte Community, die einander hilft und auch im Open Source- / Linuxumfeld hat Sailfish Anhänger. Das stimmt mich positiv, dass doch einige Experten dabei sind, die die Sicherheit und Funktionsweise des Systems beurteilen können und eingreifen, wenn irgendwo Murks ist.

Möchte man jetzt aber eine der weitverbreiteten Apps für Lieferdienste, Transport, Carsharing, VPN-Verbindung für die Arbeit o.Ä. nutzen ist man mit diesem Betriebssystem aktuell sehr aufgeschmissen. Jolla macht auch keine Anstalten daran etwas zu ändern, sondern verweist immer nur darauf, dass Ihnen da quasi die Hände gebunden sind, wenn die App-Anbieter keine Sailfish-Versionen bereitsstellen.

Jollas neue Strategie und die rudimentäre Kommunikation

Ohnehin verfolgt Jolla jetzt bereits wieder eine andere Strategie; weniger fokussiert auf die Einzellizenzierung an Endnutzer, hin zu Großkunden und insbesondere Ländern. Nachdem sie eine Kooperation mit Rostelecom (dem russischen Telekommunikationsanbieter) eingegangen sind und dieser gleichzeitig auch großer Investor an der Jolla Holding geworden ist, besteht das primäre Ziel, Mobilfunkanbieter insbesondere in den BRICS-Staaten mit einem alternativen Betriebssystem für deren Handys auszustatten. Russlands erklärtes Ziel ist die Etablierung eines eigenen Systems, um unabhängig von iOS und Android zu sein. Vor allem sollen alle Staatsbediensteten langfristig Handys mit diesem System bekommen. Die marktbeherrschende Stellung von Android auch im Endnutzer-Bereich soll so gebrochen werden. Das System mit dem Namen „Aurora OS“ ist dabei laut Aussagen von Jolla eine Abwandlung von Sailfish mit spezifischen Anpassungen und Zusatzdiensten. Es stand kurzzeitig auch im Gespräch auf Huawei Handy vorinstalliert zu werden, nachdem Huawei von Google gesperrt wurde. Jetzt setzt Huawei aber lieber auf ihr eigenes System („Harmony OS“).

Die Beziehung zwischen Sailfish und Aurora ist allerdings leider etwas undurchsichtig. Jolla bekräftig zwar, dass sie unabhängig seien, dennoch kommen große Teile des letzten Updates von Aurora. Dagegen spricht primär nichts, allerdings stellt sich Jolla als besonders datenschutzfreundlich dar und als europäische Alternative zu den amerikanischen Platzhirschen. Jolla versichert, dass Programmerweiterungen nur auf Codebasis (und nicht binär) in Sailfish nach einer Prüfung aufgenommen würden. Dennoch gibt es auch in Sailfish einige proprietäre Bestandteile. Zudem sind die Besitzverhältnisse nicht klar, Rostelecom ist auf jeden Fall über eine weitere Firma direkt an Jolla beteiligt und nicht nur Lizenznehmer. In welcher Höhe und welcher Einfluss daraus entsteht, dazu gibt es aber nur rudimentäre Informationen.

Jolla selbst ist, was Informationen über die Firma und das weitere Vorgehen betrifft, auch nicht wirklich auskunftsfreudig. Es kommen zwar immer wieder spärliche Community News, aber eigentlich ist zumindest mir nicht ganz klar, was sie so vorhaben. Das ist nicht gerade transparent und hilft mit den News zur Beisteuerung von essentiellen Funktionen durch die Aurora-Entwickler nicht unbedingt dabei, die Glaubwürdigkeit in die eigenen Bekundungen zur Datenschutzfreundlichkeit und Alternative zu anderen Datensammeldiensten zu stärken. Als Nutzer bleibt zumindest das Gefühl, statt von Amerikanern nun eventuell von Russland über irgendwelche Hintertürchen in der Software überwacht zu werden. Und das, obwohl man doch eigentlich dafür zahlen soll und auch das eher übersichtliche App-Ökosystem in Kauf nimmt, um nicht ausgespäht zu werden (zumindest nicht über das Handybetriebssystem).

Deswegen sollte Jolla meines Erachtens deutlich klarer stellen, welche Rolle Rostelecom spielt und welche Verflechtungen zwischen Sailfish und Aurora bestehen. Nicht zuletzt planen sie ihr System auch für andere Regionen (z.B. Bolivien) als Grundlage für eigene nationale Systeme zu lizenzieren. Auch diese Länder dürften ein Interesse daran haben zu erfahren, wer noch in die Entwicklung von Sailfish involviert ist oder darauf Einfluss nimmt.

Fehlende Unterstützung durch EU trotz neuer Industriestrategie

Europa hat das Thema Smartphone-Betriebssystem leider komplett verschlafen und bisher auch nicht als sonderlich wichtig erachtet. Andernfalls hätte man bereits seit längerem (wie es zuletzt mit Huawei für 5G geschah) eigene (Sicherheits-)Richtlinien für ein Betriebssystem definieren und das finnische Unternehmen finanziell oder über eine Lizenzierung unterstützen können. Das ist bisher nicht geschehen und mir ist auch nicht bekannt, dass dahingehend etwas geplant ist. So wird Jolla weiterhin versuchen müssen, mit seiner BRICS-Strategie zu überleben. Ob dabei das System dabei offen und datenschutzorientiert bleibt, ist für mich eher fraglich.

Warum für die Infrastruktur inzwischen nationale bzw. europäische Ausschlusskritereien für gewisse Firmen gelten, aber nicht für die Software, die im Zuge der Digitalisierung noch wichtiger werden wird, ist nicht so ganz logisch. Nicht erst seit Snowden weiß man ja, dass über amerikanische Softwareanbieter (egal welche) zahlreiche Unternehmen und Einzelpersonen ausspioniert wurden und werden; dennoch wird das nicht als kritisch angesehen und nahezu alle Ämter und Firmen setzen weiterhin auf Microsoft, Google, Apple und Co. Wenn man also gewisse Bereiche wie die Mobilfunk-Infrastruktur als sicherheitsrelevant sieht, dann sollte man auch an alle daran beteiligten Technologien (Handy-Hard-&Software/PCs/Tablets…) denken und sich für diese Bereiche ebenfalls um Alternativen bemühen.

Schlussendlich wird es aber nicht das eine sichere System geben, vor allem auch nicht für immer. Alles entwickelt sich weiter, Sicherheitslücken werden geschlossen und noch viele Weitere von Kriminellen und Geheimdiensten nicht publik gemacht, um sie auszunutzen. Es ist also letztendlich auch eine Frage, wem man mehr vertraut bzw. wen man unterstützen möchte. Zum damaligen Zeitpunkt wollte ich auf keinen Fall Google oder Apple über mein Handybetriebssystem auch nur indirekt unterstützen und fand das Jolla-Angebot glaubwürdig und ansprechend. Zudem wollte ich ein europäisches Underdog-Unternehmen als Gegengewicht zur den beiden Schwergewichten unterstützen. Mit der neuen Strategie hat diese Sichtweise jedoch einen Knacks bekommen. Dennoch werde ich die Entwicklung noch ein wenig abwarten, immerhin brauche ich gerade auch nicht akut eine neue Hardware. Inzwischen kommen aber immer weitere, gut funktionierende und datensparsamere Android-Alternativen auf den Markt, die ich mir parallel anschaue und dann in Ruhe abwägen kann.

In diesem Sinne

SailfishOS bzw. SailfishX ist eine wahre Google-Alternative, da sie nicht nur eine Abwandlung von Googles Android-System ist, sondern komplett eigenständig entwickelt wurde. Diese Andersartigkeit merkt man aber gerade beim für Smartphones so wichtigen App-Ökosystem, das eher übersichtlich ausfällt. Für Linux-Begeisterte ist es sicherlich super, da man über die Konsole viel selber einstellen kann. Für den breiten Markt ist es aber aktuell eher noch zu nischig. Auch die Kooperation mit Rostelecom wirft einige Fragen auf, insbesondere was die Unabhängigkeit und Datensicherheit anbelangt. Am Ende muss also jeder selbst entscheiden, welchem System und Entwicklern er seine Daten lieber anvertraut; absolute Sicherheit gibt es sowieso nirgendwo.

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