Digitalisierung als Corona-Retter?

Wir befinden uns inzwischen schon in der sechsten Woche mit Corona-Beschränkungen, aber manche Sachen sind wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. An manchen Stellen liest man, wie sehr uns das Virus und die aktuelle Situation nachhaltig verändern wird; unsere Art zu arbeiten, zu konsumieren, zu leben und dergleichen. Auf der anderen Seite gibt es Hinweise und Forderungen, dass man besser gestern als heute zum Vorkrisen-Status zurückkehren soll, sonst sei von der Wirtschaft und den Jobs nichts mehr übrig (und könnte dann auch erst recht nicht verändert werden).

Und immer wieder kommt die nicht tot zu kriegende Debatte hoch, dass wir schneller zu einer (alten oder veränderten) Normalität zurückkehren können, wenn wir nur die Möglichkeiten der Digitalisierung stärker nutzen würden. So helfe die Digitalisierung bei der Forderung ältere Bevölkerungsteile länger einzukasernieren (zu ihrem eigenen Schutz), damit der Rest wieder normal leben und arbeiten könne (was schonmal nicht der von der Politik geforderten Solidarität und Antidiskriminierung entspräche; auch Junge können schwer krank werden). Aber es wird gerne darauf hingewiesen, dass neue Technik die Isolation weniger schlimm machen würden (Videocalls für den Kontakt zu Freunden/Familie und Lieferdienste, Telesprechstunden sorgten für das täglich Notwendige. Dabei gab es schon vor Corona eine steigende Vereinsamung in der Gesellschaft, die sich jetzt noch verstärkt. Zuneigung und körperliche Nähe können nicht durch PCs ersetzt werden (zumindest noch nicht). Unbestreitbar hat die Digitalisierung Vorteile, aber eben nicht nur.

Für den Rest der Bevölkerung wird dann gefordert, dass die Menschen wieder raus und arbeiten dürfen, aber doch bitteschön ihre Gesundheitsdaten der Forschung, und dem Wunsch mancher Menschen folgend, auch anderen staatlichen Stellen und Firmen zur Verfügung stellen sollen. Nur so könne sichergestellt werden, dass nicht zu viele Menschen erkranken, die die krank würden, besser versorgt werden und die Risikogruppen besser geschützt werden können.

Im Duktus der aktuell vorherrschenden Politikkommunikation würden wir dann für unser vorbildliches Verhalten überschwänglich gelobt und bekommen dann wie ein Tier ein Lekerli (unsere bis vor wenigen Monaten noch geltenden Bürgerrechte). Ein interessanter Artikel über die Notwendigkeit/Verhätnismäßigkeit mancher Einschränkungen (Verbot auf der Parkbank auszuruhen, diese wurde inzwischen wieder gelockert) und unsere Einstellung dazu, findet sich hier.

Dabei sind sowohl das Recht auf Bewegungs/Reise- und Versammlungsrecht als auch der Datenschutz Grundrechte. Wenn jetzt das eine einschränkt wird(ich bin nicht dagegen, es gibt gute Gründe dafür) kann man nicht sagen, ihr bekommt es nur wieder, wenn ihr dafür auf ein anderes Grundrecht verzichtet. Eine Rückkehr kann es auch mit Datenschutz geben und wir sollten nicht voreilig dauerhaft auf ein Grundrecht verzichten.

Konkret geht es in den Diskussionen um zwei Apps, deren Nutzung angeblich signifikant dazu beitragen, dass die Maßnahmen schneller gelockert werden können. Die Nutzung soll nach Vorstellung der Politik freiwillig sein.

Die eine App kommt vom RKI und soll uns ermöglichen mittels einer Datenspende vorhandener Smartwatches (Puls, Atemfrequenz, Blutdruck und andere Vitalparameter) die RKI-Forschung dabei zu unterstützen, einen Zusammenhang zwischen unserem Gesundheitszustand (Vitalparametern) und einer Coronainfektion herauszufinden.

Die zweite App ist in den letzten Wochen noch heißer diskutiert worden. Eine Corona-App, von Forschern entwickelt, die mittels Bluetooth (Signalstärke und -länge) feststellt, wer wen für einen definierten Zeitraum (15 min) getroffen hat und dabei eine Mindestnähe unterschritten hat. Wenn dann im Nachgang eine Person Corona-positiv getestet würde, könnten alle anderen gewarnt werden.

Hier fängt schonmal das Grundproblem an: Es sind Apps. Das bedeutet, dass man für die Installation ein Android- oder iOS-Smartphone braucht; beides proprietäre Betriebssysteme von US-amerikanischen Megakonzernen. Was die so alles mitlesen, weiß man nicht wirklich (Google weiß ja anscheinend anhand des Wlan-Signals, wo wir uns in einem Gebäude wann aufgehalten haben). Und auch wenn Apple immer werbewirksam den Datenschutz hochhält, beweisen lässt es sich nicht, nur glauben (aber in mancher Hinsicht hat Apple sowieso schon etwas von einer Religion).

Dazu kommt, dass neben Menschen mit Vorerkrankungen eine der besonders gefährdeten Personengruppe ältere Menschen sind (vor allem scheinbar Männer). Gerade in dieser Gruppe gibt es noch einige Menschen, die gar kein Smartphone haben bzw. nur die Grundfunktionen nutzen. Diese würden somit also schonmal nicht bei einer App-Lösung mitmachen.
Zudem ist fraglich, wie hoch der Erkenntnisgewinn durch die zusätzlich erhobenen Daten ist, also wie viel Einfluss damit konkret auf den Verlauf der Corona-Pandemie genommen werden kann. Einmal übermittelte Daten sind allerdings nicht wieder zurücknehmbar.

Abgesehen davon hat der Chaos Computer Club (CCC) in der RKI-App bereits Sicherheitslücken entdeckt, sodass erstens nicht nur anonymisierte Vital-Daten eingesehen werden könnten und zweitens nicht nur das RKI Zugriff darauf erlangen könnte. In einem weiteren Artikel fordert der CCC zudem die Einhaltung von 10 Mindestkriterien zur Gewährleistung von Datenschutz bei sogenannten Tracing-Apps; was beide bisher nicht tun.

Und damit wären wir auch schon bei der zweiten App. Nachdem bereits Anfang März diskutiert wurde, ob man zur Bekämpfung der Pandemie nicht den Zugriff auf die Handydaten der Bevölkerung bräuchte (siehe auch mein Beitrag dazu) und das Vorhaben nach lautem Protest wieder zurückgenommen wurde, erfolgte jetzt ein ähnlicher Versuch über die sogenannte Corona-App.
Hinweis dazu am Rande: Das RKI hatte dann von der Telekom dennoch einen recht großen Datensatz zur Erstellung von Bewegungsprofilen erhalten. Laut Mitteilung war dieser ausreichend anonymisiert, da Daten von mehreren Personen je Funkzelle zusammengefasst worden wären.

Die Corona-App soll nun nach Vorstellung ihrer Entwickler über den Zugriff auf Bluetooth auch bei gesperrtem Bildschirm die Kontakte der Menschen erfassen und jene Kontakte zu einer Liste hinzufügen, die unter Infektionsgesichtspunkten relevant sind (entscheidend sind Nähe und Dauer des Kontakts). Jede App soll auf dem Smartphone eine eindeutige ID generieren, sodass die Person/Handynummer/Ort… nicht erkennbar ist. Würde nun bei einer Person eine Corona-Infektion nachgewiesen werden, kann dies von der Person in die App eingegeben werden und alle anderen Personen, die mit ihr in relevantem Kontakt standen, würden informiert werden (ohne zu wissen, wer die Infektion hat). Die Hoffnung ist, dass diese Personen dann zielgerichtet getestet werden könnten und somit die limitierte Testkapazität sinnvoll eingesetzt werden würde.

Dennoch gibt es einige Probleme, die mit einer solchen App einhergehen; vom tatsächlichem Nutzen und Einfluss auf die Virus-Entwicklung einmal abgesehen. Das größte und am heftigsten diskutierte Problem ist die Speicherung der Liste mit den Kontakt-IDs. Das mag zwar auf den ersten Blick als eher kleines technisches Problem wirken, tatsächlich hat es aber immense Auswirkungen:

  • Wird diese Kontaktliste auf dem Handy des Nutzers gespeichert (dezentral) und bei Bestätigung einer Infektion nur diese ID über einen Server an die anderen App-Nutzer übermittelt? Dann würde jedes Handy in seiner gespeicherten Kontaktliste die ID abgleichen und bei einer Passung den Nutzer informieren. Die Kontaktlisten wären dann nicht einsehbar (außer evtl. von den Handysystemanbietern)
  • Demgegenüber steht die zentrale Verwaltung der Listen auf einem Server, sodass sämtliche Kontakte sämtlicher Handys zentral vorliegen würden; in einem so großen Datenberg, der zudem nicht unabhängig überprüft werde könnte, ließe sich auch einfacher eine De-Anonymsierung vornehmen. Im Zweifel könnten der Staat bzw. die beteilitgten Unternehmen wissen, wer wen und evtl. wann und wo getroffen hat (Neben dem Bluetoothsignal war auch die Nutzung von Wlan-Signalen zur Erhöhung der Datenqualität im Gespräch).

Der CCC und zahlreiche Wissenschaftler hatten sich dann in einem offenen Brief gegen die zentrale Variante ausgesprochen. Zudem hatten sich einige wichtige Mitarbeiter aus der von der Bundesregierung initierten Arbeitsgruppe zurückgezogen (siehe auch hier). Nachdem auch Apple und Google auf die dezentrale Variante gesetzt haben, und durch ihre Kontrolle des Smartphones-Marktes jeder App-Hersteller an ihre Vorgaben gebunden ist, hat die Bundesregierung öffentlich mitgeteilt, jetzt doch den dezentralen Ansatz zu befürworten.

Andere Probleme bleiben aber bestehen. Wie freiwillig kann eine solche App sein, wenn zu ihrem Funktionieren 60% der Deutschen mitmachen müssten (das sind knapp 50 Mio. Menschen). Die Politik verweist in diesem Zusammenhang immer gerne darauf, dass die Nutzung der Apps die Solidarität gegenüber den anderen Menschen ausdrücke. Dass die Apps kein Ersatz für soziale Nähe/Zuneigung sein können, hatte ich ja schon oben erwähnt.
Mir fallen spontan einige Problemstellungen zum App-Tracing ein:

  • Ist man dann unsolidarisch? Man kann seine Solidarität auch anders zeigen (Einkäufe für ältere/erkrankte Menschen, Abstand halten, sich mehr zurücknehmen…)
  • Kommt man dann noch in alle Geschäfte/Bahnen oder muss man über einen Statusbildschirm der App zeigen, dass man keinen Kontakt zu einem Infizierten hatte (bzw. noch keiner der Kontakte das in der App vermerkt hat)?
  • Was passiert mit den Daten, wenn die Corona-Infektionswelle irgendwann vorbei oder normalisiert ist?
  • Was für Auswirkungen haben Datenabgaben für zukünftige Krisen/Begehrlichkeiten?
  • Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn die Bürger immer weitere persönliche Informationen preisgeben oder preisgeben sollten?
  • Welche Firmen sind involviert und festigt der Staat durch seinen Wunsch der Nutzung solcher Apps durch seine Bürger nicht die Marktmacht der Handy/Software-Konzerne?

Ein interessanter Artikel über die zunehmende Bereitwilligkeit zur Sammlung und Weitergaber seiner Gesundheitsdaten in unserer Gesellschaft findet sich zum Beispiel hier. In einem anderen Beitrag wurde, in meinen Augen, gut dargestellt, dass im Endeffekt die zwei größten Konzerne der Bundesregierung vorschreiben, welcher Speicheransatz verfolgt werden soll; wie groß der Einfluss der Digitalvereine und Datenschützer schlussendlich war, bleibt die Frage. Dort wurde neben der dadurch beförderten Abhängigkeit auch die Technologiegläubigkeit gut beleuchtet. Diese Apps mögen eventuell einen Beitrag dazu leisten, dass wir die Corona-Pandemie schneller unter Kontrolle bekommen. Sie lösen aber nicht alle Probleme die dadurch entstanden sind bzw. noch entstehen, klären keine Ursache oder heilen irgendwen. Deswegen sollte auch nicht der Eindruck vermittelt werden, dass wenn wir nur alle schön mitmachen, dass dann alles wieder gut wird.

In diesem Sinne: Die Digitalisierung soll uns helfen unsere, teilweise hausgemachten, Probleme in den verschiedensten Bereichen zu lösen. Im Angesicht der Corona-Pandemie wird immer wieder auf die Möglichkeiten der Digitalisierung für den Gesundheitsschutz und die Lockerung der Einschränkungen hingewiesen. Es muss allerdings immer auf den konkreten Nutzen und die damit einhergehende Preisgabe von Informationen/Daten geachtet werden. Digitalisierung ist kein Allheilmittel, und kann sowohl gut wie auch schlecht auf die Bevölkerung wirken. Als digital souveräner Bürger muss man sich dessen bewusst sein und entsprechend seiner persönlichen Abwägung handeln.

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