Schöne neue Digitalwelt

In der letzten Zeit gab es wieder vermehrt Berichte zu neuen Datensammel-Vorhaben und irgendwie gleichen sich die Vorgehen immer wieder. Jetzt möchte der Innenminister nicht nur die automatische Ende-zu-Ende Verschlüsselung von Messengern aushebeln, sondern der Polizei auch Zugriff auf die Daten der Sprachassistenten geben, der internationale Terrorismus lasse ja keine andere Wahl. Die EU arbeitet zudem daran nicht nur Fluggastdaten zu erfassen, sondern sämtliche Daten zu Reisen mit Bus, Bahn und Mietwagen zu speichern.
Ebenfalls interessant fand ich die Ankündigung von Lidl durch Nutzung einer eigenen Lidl-App Kunden maßgeschneiderte Rabatte anbieten zu können und dafür das Einkaufverhalten und die Wege (Geo-Tracking) auszuwerten.

Beides finde ich nicht wirklich gut, aber es ist doch bezeichnend für unsere heutige Zeit. Vorneweg, ich habe keinen Sprachassistenten, deswegen kann ich nicht wirklich einschätzen, wie hilfreich diese Geräte sind. Ich persönlich empfinde es aber nicht als große Lebenserleichterung, wenn ich statt einen Knopf zu drücken, spreche, damit das Radio oder Licht aus- bzw. angeht. Und dem Gerät zu diktieren, was ich einkaufen möchte, damit es das für mich gleich bestellt, finde ich auch nicht wirklich praktisch. Dann lande ich ja bei dem Anbieter, den das System für gut befindet (oder voreingestellt hat) und das ist nicht unbedingt der, den ich genommen hätte.

Für diese „Hilfe“ bekomme ich dann aber eine kontinuierliche Abhörstation, die – wie auch schon durch mehrere Berichte nachgewiesen – alles aufzeichnet, was gesprochen wird. Wie ich neulich gelesen habe (siehe SZ-Artikel hier), haben aber scheinbar nicht nur Sprachassistenten Mikrofone verbaut, sondern auch andere smarte Geräte bei denen man nicht damit rechnen würde (z.B. ein Thermomix-Nachbau). Die Stasi wäre happy gewesen, wenn sich Ihre Bürger solche Systeme freiwillig ins Haus gestellt hätten. Dann wäre es nicht nötig gewesen, aufwändig und kostenintensiv die Wohnung zu verwanzen, ggf. Lauscher in Doppelwänden, und andere Überwachungstechnik anzubringen. Für mich ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis solcher Geräte deutlich negativ und bis jetzt konnte mir auch keiner vermitteln, wodurch genau der Nutzen jetzt so exponentiell gesteigert wird.

Natürlich, wie bis jetzt immer in der Geschichte der Menschheit, wird eine Technik, sobald sie einmal etabliert ist, auch unabhängig von Ihrem ursprünglichen Nutzungszweck eingesetzt. Insofern war es nur eine Frage der Zeit bis der Staat Anspruch auf den Zugang zu diesen Daten erhebt; schließlich werden seit über 15 Jahren immer mehr Daten zu „Aufklärungszwecken“ herangezogen und die ursprünglich garantierten Bürgerrechte (Fernmelde-/Briefgeheimnis, Unverletzlichkeit der Wohnung) immer weiter beschnitten. So gibt es schon heute zahlreiche Auswertungsmöglichkeiten, die bei konkretem Verdacht auf eine Straftat von den Behörden genutzt werden können, aber mit dem Begriff „drohende Gefahr“ soll es in Zukunft auch möglich werden präventiv Daten zu sammeln, bevor eine Straftat begangen wurde. Alle Bürger sind dieser Logik folgend potentielle Straftäter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dadurch auch in Zukunft Anschläge nicht komplett verhindert werden können. Durch die Fehleranfälligkeit der automatisierten Systeme werden dafür aber falsche Verdächtigungen zunehmen. Aber den Fehler eines solch automatisierten Systems dann zu beweisen, dürfte für jeden Einzelnen schwierig werden; „der Computer irrt ja nicht“.

Man kauft sich mit einem solchen Gerät also nicht nur die Überwachung und Auswertung durch Großkonzerne (Amazon, Google…) ein, sondern beliefert auch noch gleich die Sicherheitsbehörden mit Daten zu seinem Privatleben. Diese Daten müssen auch noch irgendwo gespeichert werden, und wenn in den letzten Jahren etwas neben dem massenhaften Ausspähen klar geworden ist, dann, dass kein Speichersystem sicher ist und früher oder später ein Datenleak auftauchen wird. Nicht zu vergessen, dass die smarten Geräte dann auch von Hackern gekapert werden können, um Bitcoins zu schürfen oder als Teil eines Botnetzes Cyber-Angriffe dirchzuführen.

Dasselbe gilt für die Nutzung von sog. Loyalty-Programmen von Firmen. Jeder kennt Payback, Deutschlandcard, Bahncard etc. Die großen Anbieter (z.B. Payback), die mehrere Händler vereinen, können natürlich spezifische Rabattangebote machen. Aber der Preis ist natürlich, dass diese Anbieter dann auch ziemlich viel über unser Einkaufsverhalten erfahren (wo, was, wann, wie oft, wie viel…). Überträgt man das ganze auf den digitalen Raum, bieten sich noch vielmehr Möglichkeiten Daten zu erheben und auszuwerten. Amazon ist dafür ja ein Paradebeispiel. Wenn jetzt, wie mit der Lidl-App, eine Verzahnung der Daten aus online- und offline-Handel stattfindet, ergeben sich natürlich erstens mehr Datenpunkte und zweitens durch die Vernetzung unterschiedlicher Quellen ein detaillierteres Profil zu unserer Person. Versicherungen gehen inzwischen auch schon den Weg, mehr Überwachung und Datenakquise gegen günstigere Beiträge anzubieten. Ein Traum für die Werbe- und Risikoabteilungen, aber für uns selbst?

Schließlich kann man durch geeignete statistische Auswertungen und Korrelationen dann nicht nur rausfinden, was man gerne einkauft und wo, sondern auch wie viel man verdient, ob man alleine lebt oder nicht, in welcher Lebensphase man sich befindet (z.B. Schwangerschaft), politische Ansichten… Und dafür bekommt man selber dann zugespitzt gesagt den Blumenkohl im Laden 20 cent günstiger oder 2 Mangos zum Preis von einer. Juhu.

Abgesehen davon gilt dasselbe wie oben, Daten möchten gespeichert werden, andere Firmen/Institutionen finden die Daten auch interessant….Es ist also immer die Frage, ob analog oder digital (mehr noch im digitalen Bereich), welchen Nutzen man aus einem Gerät, einer Mitgliedschaft, einem Angebot zieht und was für Daten man dafür preisgibt. Dazu lohnt auch durchaus ein Blick in die Datenschutzerklärung und sofern möglich, ohne den Dienst komplett sinnlos zu machen, ein Widerspruch der Datennutzung zu bestimmten Zwecken. Diese Abwägung muss jeder für sich selber treffen, aber der beste Datenschutz ist Datensparsamkeit, d.h. man gibt so wenig Daten wie möglich über sich preis. Dadurch erhält man sich auch seine persönliche Souveränität, weil, wie oben auch beschrieben, einmal gesammelte Daten an den unterschiedlichsten Stellen gewollt (z.B. durch gesetzliche Befugnisse) oder ungewollt (z.B. durch Leaks) wieder auftauchen können. Verloren oder gelöscht werden sie aber mit Sicherheit nie. Man selber verliert also die Hoheit über seine eigenen Daten und merkt in den meisten Fällen nicht mal wo die überall schlussendlich landen.

In diesem Sinne: Die vielen neuen Angebote und Assistenten die uns zur Lebenserleichterung und für Vergünstigungen angepriesen werden, haben nicht nur „Nutzen“, sondern auch „Kosten“. Sich darüber im Klaren zu werden, dass man mit persönlichen Daten zahlt, über die man die Kontrolle abgibt und die irgendwo völlig anders zum Einsatz kommen können, ist immens wichtig. Es gilt, dass man souveräner agieren kann, wenn man datensparsamer lebt. Mit diesem Wissen im Hinterkopf kann jeder seine eigene Kosten-Nutzen-Abwägung zu diesen Angeboten vornehmen und sie nutzen oder eben auch nicht.

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