Im Zeichen der Convenience

Google stellt die Auswertung der Mitschnitte seines Sprachassistenten durch Menschen für 3 Monate ein, Apple stoppt seine auch, Amazon überlässt es seinen Nutzern, der Nutzung zu widersprechen. Nach den Enthüllungen von zufällig mitgeschnitten Gesprächen durch die Geräte – Amazon soll die Auswertung Mitarbeitern sogar im Home-Office überlassen haben – war die Empörung erstmal groß. Die Firmen reagierten indem sie die gängige Praxis für 3 Monate aussetzen, die Verarbeitung allerdings nicht ausdrücklich für immer ausschließen. Zudem wird mit dem Verweis auf die Datenschutzerklärung und durch die Nutzung durch den Nutzer von einer Einwilligung ausgegangen und somit mit einem legalen Vorgehen argumentiert.

Ich verstehe die Empörung nicht wirklich, da doch jedem klar sein muss, dass ein Gerät, dass auf meine Befehle gehorcht, potentiell alles mithören kann. Es muss es sogar, sonst kriegt es das „Codewort“ überhaupt nicht mit. Und natürlich liest kein Mensch die verschwurbelt geschriebenen Datenschutzerklärungen der Firmen komplett; nicht wenige dachten, dass nur ein Computer aufzeichnet, keine Menschen am anderen Ende mithören.

Das wissen die Firmen natürlich auch, nicht zuletzt rechnen sie mit der Bequemlichkeit ihrer Nutzer. Schließlich fördern die meisten Dienste ja genau diese Bequemlichkeit. Viele digitale Dienste sind ja gerade dazu gedacht, einem das Leben einfacher zu machen (Stichwort: Convenience): Der Wecker misst den Schlaf und weckt einen langsam, wenn er der Meinung ist, es ist am Besten für den Körperrhythmus. Im Bad passt sich die Beleuchtung der Stimmung an, die Kaffemaschine macht einem einen Kaffee, wenn man in die Küche kommt, der Kühlschrank bestellt das Lieblingsessen, die Waschmaschine wäscht die Kleidung automatisch mit der richtigen Temperatur und Waschmittel und und und.

Dazu kommt, dass man so gut wie alles von der Couch aus steuern/programmieren kann und in der Idealvorstellung der Anhänger von Smart home gar nichts mehr selbst machen muss (Steuererklärung per Foto der Belege gibt es auch schon). Dass dabei eine Menge Daten erhoben, verarbeitet und gespeichert werden, und ja auch muss um z.B. Lieblingseinstellungen der Nutzer zu erkennen, haben Viele schon im Hinterkopf. Aber so richtig einschätzen, was das bedeutet, können die wenigsten. Daten sind ja irgendwie abstrakt, nicht greifbar, das kann alles und nichts sein.

Häufig ist dann auch die Aussage zu hören, ich hab ja nichts zu verbergen (1.) und was sollen die Firmen schon mit den tausenden von Daten anfangen (2.). Und damit sind die unguten Gefühle im Hinterkopf der meisten auch schon wieder passé.

Interessanterweise gilt die 1. Aussage im realen Leben aber häufig nicht: So fänden es die meisten Leute unheimlich oder zumindest merkwürdig, wenn sie z.B. den ganzen Tag von einer realen Person verfolgt werden, jemand andauernd Fotos von ihnen macht, eine fremde Person im Supermarkt mit einem Notizblock genau notiert, was im Einkaufswagen liegt, wie lange man im Regal vor der Ware stand bevor man etwas genommen hat oder jemand mit einem Fernrohr vor unserem Wohnzimmer steht und reinstarrt.

Zudem bekommen wir im offline-Leben von Freunden sofort eine Reaktion auf unser Verhalten, in der Digitalwelt passiert erst mal nichts oder unser treuer Digitalassistent macht alles was wir wollen. Wir haben also keine wirkliche Rückkopplung zu den Daten, die wir verbreiten und deswegen sind viele auch arglos im Umgang damit. In einer Sendung von Harald Lesch (hier), in der es um die Dauerdatenerhebung geht, wurde in einem Ausschnitt auch ein Video einer Datenschutzorganisation gezeigt, die Passanten in der Einkaufsstraße durch einen „Hellseher“ intimste Details widergespiegelt hat. Nur dass der Hellseher seine Informationen von Hackern bekommen hat, die alles im Netz zu dieser Person auffindbare zusammengetragen hatten. Das war vielen dann doch eher unangenehm und zu privat. In der online-Welt bekommen wir diesen Spiegel aber nicht in dieser Form vorgehalten und wissen also auch nicht wer was über uns weiß.

Unser Grundrecht auf Privatsphäre in den eigenen Wänden und informationelle Selbstbestimmung ist noch nicht so alt wie andere Grundrechte (etwas über 100 Jahre). Es entstand mit Aufkommen der Fotografie, die Momenaufnahmen speicherbar und reproduzierbar machen ließ. Damals musste sich erst ein Gefühl im Umgang mit der neuen Technologie entwickeln und auch ein Bewusstsein, dass man eben auch privat sein möchte. Vorher konnte man sich ja sicher sein, dass alles im Moment blieb. Das ist heute nicht anders, nur dass wir ein X-faches des damals Möglichen erfassen und speichern. Zudem werden die Abstände zwischen den neuesten Verarbeitungsmöglichkeiten immer kleiner. Uns fehlt schlicht ein Gefühl für Daten und ihre Wirkung. Das sollten wir möglichst schnell entwickeln, bevor wie in China, Fakten geschaffen werden und alles erfasst und verarbeitet wird.

Was mich wiederum zur 2. Aussage bringt:
Was sollen die Firmen/der Staat/andere Institutionen mit dem Wust an Daten; interessiert doch sowieso keinen wie oft ich Klopapier kaufe und wenn soll ers halt wissen.

Das ist in meinen Augen ein Trugschluss. Natürlich ist es für Firmen alles andere als uninteressant, was man wo, wann, wie oft kauft. Mit derartigen Profilen, lassen sich Kunden besser adressieren und auch verschiedene Preise für unterschiedliche Zielgruppen erzielen (es gibt z.B. Studien, die zeigen, dass Apple-Nutzer bei Online-Buchungen mehr zahlen, einfach weil sie MacOs bzw. Safari nutzen und damit als einkommensstärker gelten). Aber zu den Marketingabsichten der Firmen hatte ich ja in anderen Beiträgen schon geschrieben. Nein am wertvollsten sind die Daten, weil man dadurch Muster erkennen kann.

Muster von Verhaltensweisen und Entscheidungen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen unterteilt nach den verschiedensten Gruppen. Das kann wie bei Cambridge Analytica dazu führen, dass wir in unserem Wahlverhalten gezielt durch zugeschnitte Information beeinflusst werden, oder wie in China (noch nicht überall eingesetzt) Punkte für gutes und schlechtes Verhalten erhalten. Die Punkte entscheiden unter anderem über die Zukunft von uns und unseren Kindern.

Es kann aber auch sein, dass festgestellt wird, dass wir (um beim obigen Beispiel zu bleiben) mehr Klopapier kaufen als der Durchschnittsbürger und dadurch auffallen. Vielleicht könnte das die Krankenversicherung interessieren, da derartige Personen häufig an bestimmten Krankheiten kleiden. Oder irgendeinem Amt wird das gemeldet, was daraufhin wissen will, ob eventuell mehr Leute in der Wohnung leben als angegeben oder oder. Und das hat auf jeden Fall Einfluss auf unser Verhalten, wir fühlen uns nicht mehr so frei, tun und lassen zu können was wir wollen und können nicht mehr souverän über unser Leben bestimmen (eigentlich ein Grundpfeiler „westlicher“ Wertvorstellungen).

Und warum schreibe ich das jetzt unter der Kategorie Digitale Souveränität? Weil es wichtig ist zu erkennen, wohin ungebremste Datengenerierung führen könnte – nicht muss. Und dass die Ergebnisse davon uns alle als Gesellschaft treffen und verändern können. Es sollte einem daher nicht egal sein, was man alles ungewollt bzw. aus einer Egal-Haltung heraus preisgibt. Zusätzlich muss man sich bewusst werden, dass all diese Dienste unsere Bequemlichkeit ansprechen (und noch andere tief menschliche Bedürfnisse).

Abgesehen davon, dass man dann weniger Spontanes erlebt, was man im Nachhinein vielleicht schön findet, wächst man auch nicht über sich hinaus, wenn alles nur einfach ist. Aber viel Gravierender ist, dass es uns dann immer schwerer fällt, die „Macht“ die Geräte, die uns das Leben ja so angenehm machen, zu behalten und unsere Souveränität zu wahren. Diese Abhängigkeit von den Geräten spüren viele Menschen negativ, etwa weil sie alleine nichts mehr hinkriegen oder durch das Dauer-Entertainment weniger konzentrationsfähig sind oder dann irgendwann doch alles gleich langweilig ist.

In diesem Sinne: Datensparsamkeit und der bewusste Umgang mit eigenen Daten, die in der Digitalwelt über einen entstehen, gehen uns alle etwas an. Keiner weiß genau, wozu diese Daten verarbeitet werden und durch wessen Hände sie dabei gehen. Wie egal – oder eben nicht – einem diese Analysergebnisse sind, merkt man spätestens dann, wenn man sich vorstellt, dass nicht eine unbekannte Firma oder Datenbank alles über einen weiß, sondern die Nachbarn/der Chef oder irgendeine andere reale Person. Zudem kann die Mustererkennung aus diesen Daten Einfluss auf unser Verhalten in der Zukunft nehmen und unser heutiges Verständnis von freiem Leben stark verändern.

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