Kommunikationsdienste im Corona-Aufwind

Update: Die Berliner Datenschutzbeauftragte hat die angekündigte Liste zu verschiedenen Videokonferenzsystem-Anbietern veröffentlicht. Die meisten der bekannten Anbieter fallen dabei durch. Genaueres dazu findet sich hier bzw. auf den Seiten der Berliner Datenschutzbeauftragten.

Jetzt kommt endlich doch die Corona-App der Bundesregierung. „Nur“ ein paar Millionen Euro (ca. 60) soll sie gekostet haben und tolle Erkenntnisse für weitere Schritte zum Umgang mit dem Virus liefern. Ein Begleitgesetz sah man aber als unnötig an; dort hätte man sich ja eventuell auf einen begrenzten Anwendungszeitraum und -bereich festlegen müssen. Immerhin aus Datenschutzperspektive wurde der App viel Lob entgegengebracht; gegenüber den unzähligen offen liegenden Listen vor Restaurants und Bars, in die man sich bei Besuch eintragen muss, ist glaube ich alles besser. Der tatsächliche Nutzen der App wird sich noch zeigen müssen, Norwegen hat seine gerade abgeschaltet, aber dazu wurde ja bereits vielfach geschrieben.

In diesem Beitrag soll es vielmehr um die zahlreichen anderen Programme gehen, die jetzt in Zeiten der Coronakrise immer wieder genannt werden und binnen kurzer Zeit erstaunlich populär geworden sind. Die Social-Media-Apps wie Whatsapp, Facebook Messenger, Facetime, Snap und Tiktok waren ja davor schon recht bekannt, aber jetzt sind vor allem Videotelefonie und -konferenzsysteme stark begehrt. Bekam man vor gut 1- 1,5 Jahren auf die Frage nach derartigen Systemen in vielen Firmen noch Achselzucken oder erstaunte Blicke, so hat jetzt selbst die vormals analogste Firma/Verwaltung irgendein System etabliert, das zumindest einem Teil der Belegschaft die Arbeit von zuhause aus ermöglicht.

Aber nicht nur für die Wirtschaft wurden solche Systeme interessant, sondern auch für Schulen, Unis und sogar Privathaushalte, die sich nicht mehr treffen und analog austauschen durften. Und damit kam die Frage, welche Systeme gibt es und welches soll man wählen.

Hier möchte ich eine kleine (unvollstäändige) Übersicht einiger Anbieter geben:

Den meisten wird noch Skype in Erinnerung gewesen sein. Das Urgestein der Videotelefonie aus Schweden, das dann von Microsoft gekauft wurde und über Windows auf zahlreichen Rechnern vorinstalliert ist. Die Software ist inzwischen unglaublich groß (Datenumfang) und schwerfällig mit zahlreichen Features, die nicht unbedingt nötig sind und nicht immer flüssiger Sprachverbindung. Mit Skype for Business wollte Microsoft die Geschäftswelt erobern, allerdings plant Microsoft absehbar die Ablösung von Skype durch Microsoft Teams.

Damit wären wir schon beim nächsten bekannten System: Microsoft Teams wird gerade massiv in den Markt gedrückt und soll neben Chat, Telefonie und Konferenzschaltung auch die Zusammenarbeit an Dokumenten über Microsoft Office (inkl. Outlook) ermöglichen. Je nach gewünschtem Funktionsumfang ist das Programm kostenlos oder per monatlicher Aborate nutzbar. Vor beiden Diensten warnt allerdings die Landesdatenschutzbeauftrage von Berlin, genauso wie vor dem großen Newcomer Zoom.

Zoom ist eine primär auf mobile Nutzung ausgerichtete Videotelefoniesoftware, die plattformübergreifend funktioniert. Datenschutzbedenken gegenüber der kalifornischen Firma gab es schon ziemlich früh, trotzdem hat die einfache Bedienung und die kostenlose Nutzung dazu geführt, dass Millionen Nutzer das Programm nutzen, unter anderem Schulen für die Online-Lehre. Letzteres finde ich eher bedenklich, aber natürlich ist es auch schwierig in Schulen, in denen aufgrund der jahrelangen Sparmaßnahmen nicht einmal Seife auf den Klos ist, jetzt aus dem Stand ein super funktionierendes System für Online-Lehre einzurichten. Da lag es nahe auf die einfache Installation einer Software auf den Privatgeräten der Schüler und Lehrer zu setzen.

Für den geschäftlichen Bereich gibt es noch Cisco (Jabber/Webex), das als Komplettsystem für Videokonferenzen genutzt werden kann, allerdings kostenpflichtig ist.

Seit 2005 ist auch der baden-württembergische Softwarehersteller TeamViewer eine Alternative für Remote-Wartung und mittels der App Blizz auch für Videocalls und -meetings. Der Fokus der Firma liegt eher auf Geschäftskunden, allerdings kann die Software als Privatperson auch kostenfrei genutzt werden. Die Firma wächst seit ihrem Börsengang vergangenes Jahr durch die aktuelle Krise stetig, wie alle anderen kommerziellen Anbieter auch.

Und somit kommen wir zu den Open-Source-Alternativen, die inzwischen auch nicht mehr so schlecht wie ihr Ruf sind. Bei einigen der Anbieter gibt es eine kostenfreie Nutzung für Privatpersonen bzw. kleine Gruppen und eine kostenpflichtige Version für Business-Nutzung.

Einer der noch eher bekannteren Anbieter ist Jitsi. Die Software bietet einfache Videotelefonie und Chat inlusive Screensharing für unterschiedliche Geräte sowie Codeteile zur Anbindung an andere Kommunikationsprotokolle (z.B. Xmpp). Eine Nutzung über den Browser ist ebenfalls möglich. Jitsi ist ein internationales Projekt, an dem sich jeder beteiligen kann, das vor allem die (Weiter-)Entwicklung der Kern-Programmbestandteile für HD-Videotelefonie verantwortet. Diese kann von anderen Diensten auch genutzt werden (z.B. über eine Schnittstelle in der Software Riot, die wiederum als Client für das unabhängige Nachrichtenprotokoll Matrix genutzt werden kann).

Daneben gibt es BigBlueButton, das ebenfalls Onlinekonferenzen per Video ermöglicht, sich aber primär an Schüler und Lehrer bzw. an größere Auditorien richtet. Vorteil ist, dass es Open-Source ist und auch eine Verbindung über einen eigenen Server eingerichtet werden kann. Sofern man keinen eigenen Server hat, kann man sich über den Server des Anbieters in selbst kreierten Räumen treffen, wobei aufgrund der aktuell hohen Zugriffszahlen die Dauer des Webcalls auf 60 Minuten begrenzt ist. Der Dienst funktioniert über Html, sodass es ohne extra Software über den Browser genutzt werden kann.

Kommen wir zum letzten Anbieter in meiner Liste, den ich aktuell auch am meisten nutze: Spreedme. Die Software ist ebenfalls Open-Source und ermöglicht einfache Videotelefonie mit Chat ohne viel Speicherplatz zu benötigen auf den gängigsten PC-Systemen (mobile aktuell nur für iOS). Sie kann auch über den Browser genutzt werden und an muss nicht einmal eine Email-Adresse hinterlegen. Die dahinterstehende Firma bietet auch einen um Google-Tracking (in Teilen) entschlackten Chrome-Browser (Iridium) an und ist mit dem Open-Source Cloud-Anbieter Nextcloud verbandelt. Für Firmen gibt es eine spezifische Harware-Lösung, die als Server für Daten (Nextcloud) und Videotelefonie sowie weitere Dienste dient.

Diese Liste ist natürlich nicht vollständig, es gibt zahlreiche weitere (vor allem Open-Source) Anbieter, aber ich denke, es ist ganz gut für einen Überblick. Microsoft steht zum Beispiel im Verdacht die Daten der Konferenzen für die eigene KI-Entwicklung zu nutzen sowie an Adobe und Google zu Werbezwecken weiterzugeben. Ein Grund mehr Open-Source-Alternativen auszuprobieren..

Die Berliner Landesdatenschutzbeauftrage hat in der letzten Pressemitteilung, in der auch die Warnung vor Teams, Skype und Zoom publik gemacht wurde, eine ausführlichere Liste und Bewertung zu den verschiedenen Anbietern angekündigt.
Die Stiftung Warentest hat die bereits im Mai getan und einen Test zu verschiedenen Anbietern veröffentlicht (siehe hier). Dabei kritisierten die Prüfer insgesamt die mangelnden Datenschutzerklärungen der Dienste.

In diesem Sinne: Nachdem das Büro bzw. ein Großteil des Lebens nach Hause verlagert wurde, hat die Bedeutung von digitalen Telefon- und Konferenzanbietern massiv zugenommen. Inzwischen sind auch Open Source Dienst in der Sprach- und Videoqualität sehr gut geworden, sodass es sich lohnt diese auszuprobieren und sich aus der Abhängigkeit von den großen Techfirmen zu lösen.

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